Ist die Lebenserwartung in Deutschland abhängig vom Wohnort Monty Dhanjal?

Gesundheit hängt in Deutschland stark vom Einkommen ab – doch muss das so bleiben? In dieser Folge spricht Pia mit Monty Dhanjal, Medizinerin und Gesundheitsberaterin an der Poliklinik Leipzig, über soziale Ungleichheiten, strukturelle Diskriminierung und neue Wege zu echter Gesundheitsgerechtigkeit. Monty berichtet aus der praktischen Arbeit im Stadtteil Schönefeld und erklärt, warum die Poliklinik dann erfolgreich wäre, wenn es sie eines Tages nicht mehr bräuchte.

(Intromusik im Hintergrund)

Pia: Hi, willkommen zu einer neuen Folge von Heilewelt, dem Podcast über positive Zukunftsvisionen in der Medizin. Ich bin Pia, ich bin Ärztin und spreche hier mit den Menschen, die die Medizin nicht nur verbessern möchten, sondern es bereits tun. In unseren Gesprächen tauchen wir in die Welt medizinischer Vorreiter:innen ein und hören, für welche Visionen sie brennen.

Stellt euch eine Welt vor, in der es nicht mehr von deinem Geldbeutel abhängt, wie alt du wirst, oder anders gesagt, in der der Satz „Armut macht krank“ nicht mehr gilt. An dieser heileren Welt arbeitet Monty Dhanjal. Monty ist Mediziner:in, hat nebenbei Ethnologie und Kulturwissenschaften studiert und promoviert aktuell zur Diskriminierung in der Gynäkologie an der Uniklinik Leipzig.

Wir haben Monty aber heute zu Gast, da Monty als Gesundheitsberater:in in der Poliklinik Leipzig arbeitet und dort versucht, im Stadtteil Schönefeld die Gesundheit von vielen Menschen durch die Verbesserung ihrer Lebenssituation deutlich voranzubringen. Monty hat in der Folge zum Ende gesagt, dass das Ziel der Poliklinik erreicht wäre, wenn es ihre Arbeit gar nicht mehr braucht. Und wenn ihr diese Folge gehört habt, könnt ihr wahrscheinlich nachvollziehen, was Monty damit meint. Monty hat uns außerdem teilhaben lassen an Geschichten von Menschen, die sie betreut haben und an denen man schnell sieht, wo die Lücken in unserem Gesundheitswesen liegen. Es wird also Zeit für Zukunftsvisionen und pragmatische Leute, die in ihrem Stadtteil mit ihrem Know-how das Leben für viele Menschen besser machen. Wie schön also, dass wir davon heute eine weitere Person zu Gast haben und zu Wort lassen kommen können.

Viel Spaß mit der Folge. Let's go!

 

Hi Monty, voll schön, dass du da bist, dass es heute geklappt hat. Wie geht's dir? Wo kommst du gerade her? Wie war dein Tag bislang?

 

Monty: Hi, schön, dass ich hier sein darf. Genau, heute haben wir hier in Sachsen Feiertag und zwar Buß- und Bettag. Deswegen konnte ich ein bisschen entspannen und ich habe hier noch ein bisschen an Abgaben gearbeitet, die ich noch für die Uni machen musste. Deswegen ein entspannter Tag, würde ich sagen.

 

Pia: Sehr gut, das kann man ja im November vielleicht auch noch ganz gut, so nervigen Kram..

 

Monty: So sieht's aus.

 

Pia: Ich habe ja jetzt schon im Intro einmal gesagt, ganz grob, dass wir heute über die Poliklinik sprechen wollen, wo du unter anderem arbeitest. Vielleicht können wir einmal die Basics setzen. Hol uns einmal ab, was ist eigentlich konkret eine Poliklinik, beziehungsweise ich nehm wahrscheinlich nicht zu viel vorweg, wenn ich sage, es gibt mehrere - vielleicht kannst du einmal sagen, bei welcher Poliklinik du arbeitest, beziehungsweise was das eigentlich konkret ist.

 

Wie Polikliniken Versorgungslücken schließen

 

Monty: Genau, also vielleicht für diejenigen, die Polikliniken noch aus der DDR kennen, das ist jetzt tatsächlich nicht dasselbe, aber so die Idee oder konzeptionell ist es sehr ähnlich und so geht es eben darum, dass mensch dort auch aus einer ganzheitlichen Perspektive betreut wird und beraten wird. Ich arbeite in der Poliklinik Leipzig, die Poliklinik Leipzig ist Teil des Poliklinik-Syndikats. Ich müsste jetzt lügen, aber ich glaube, wir haben da jetzt so 16 oder 14 Polikliniken in Deutschland und dann auch noch so ein paar Anwärter:innenkliniken, die auch Teil des Syndikats werden möchten und in jeder Polyklinik gibt es sozusagen verschiedene Schwerpunkte. In der Polyklinik Leipzig ist es so, dass wir verschiedenste Beratungsangebote haben. Aber was jede Poliklinik gemein hat, ist, dass es vor allem eben stadtteilorientiert ist und dass es sich eben in dem Stadtteil, in dem sie sich befindet, dort den Menschen zugutekommt, vor allem mit kostenlosen Angeboten. Für die Poliklinik Leipzig sprechend, bedeutet das, dass wir Beratungsangebote in den Bereichen psychosoziale Beratung haben, die durch zwei wirklich tolle Psychotherapeutinnen, Psychologinnen, sorry, die aber in der psychotherapeutischen Ausbildung sind, gemacht wird. Dann haben wir eine Sozialberater:in, genau, die Person ist ausgebildet in der sozialen Arbeit. Dann haben wir noch eine Alltagsberatung, die auch betreut wird von einem Psychologen. Und meine Wenigkeit macht die Gesundheitsberatung und ich habe einen medizinischen Background. Und genau, das ist sozusagen das Beratungsangebot. Und daneben haben wir eben auch noch eine Gemeinwesensarbeit und die Gemeinwesensarbeit macht dann sozusagen so Treffs für die Leute, plant Veranstaltungen vor Ort und wir haben auch so Bewegungsangebote und so weiter. Und wie gesagt, jedes Angebot, das wir haben, ist kostenfrei für die Person aus dem Stadtteil, aber auch drumherum.

 

Pia: Ja, jetzt hast du gesagt, euch ist es wichtig, die Person in den Blick zu nehmen oder ganzheitlich in den Blick zu nehmen. Vielleicht kannst du einmal sagen, was war denn der Anreiz für die Gründung der Polyklinik beziehungsweise was macht vielleicht auch das Wort Klinik in dem Ganzen so aus? Wieso gibt es euch?

 

Monty: Genau, also die Poliklinik ist entstanden aus einem aktivistischen Background heraus und zwar von unter anderem jemals Medizinstudierenden, aber auch anderen Personen, also aus der Psychologie oder Psychologie-Studierenden, Leute, die Sozialarbeit studiert haben und so weiter. Und vor allen Dingen im Stadtteil, in dem es die größten Scheren gibt. Also das bedeutet, wir sind in Schönefeld. Schönefeld ist in Leipzig ein Stadtteil, der Stadtteil mit einer der höchsten sozioökonomischen Problematiken. Also da haben wir eine hohe Armutsdichte, genauso wie eine relativ hohe Dichte an älteren Personen und Senior:innen, dann eben auch einen großen Anteil an migrantischen Personen und aber auch einen großen Anteil an Personen, die eben auch sich eher rechts positionieren. Das heißt, auch die politische Schere dort ist relativ groß. Und ich glaube tatsächlich, auch bei der letzten Wahl konnte das da gesehen werden. Also, dass da eben die extremen Rechte und die extremen Linke sozusagen- also was ist die extreme Linke- aber so die oppositionellen Lager da eben stark vertreten waren. Und dieser Stadtteil wurde genau deswegen ausgesucht, weil es eben da die größten sozioökonomischen und gesellschaftlichen Herausforderungen gibt.

Und der Aspekt Klinik ist sozusagen ein bisschen diesbezüglich entstanden, weil es eben um die Beratung und Behandlung von Personen geht. In anderen Polikliniken ist es nämlich so, dass es dort auch Ärzt:innen gibt, die dort wirklich auch behandeln. Leider haben wir aktuell noch keinen Kassensitz. Wir arbeiten daran, dass wir einen allgemeinmedizinischen Kassensitz bekommen. Genau. Aber solange das eben nicht der Fall ist, beraten wir vor allen Dingen oder machen eine beraterische Tätigkeit in diesen Bereichen, die ich genannt habe, eben aus diesem ganzheitlichen Aspekt daraus, dass Personen sozusagen mit vielleicht einem Problem kommen, aber es zeigt sich ja häufig, dass es viele verschiedene Zusammenhänge gibt und genau, das ist unsere Herangehensweise.

 

Pia: Ja. Und die Polikliniken sind ja in verschiedenen Städten eben so, dass eher diese schwächer, sozialökonomisch schwächer gestellten Viertel der Zielort sind für die Polikliniken. Kannst du noch einmal sagen, wie das zusammenhängt? Also wieso ist es wichtig, dass da gewisse Kliniken aufmachen in diesen Vierteln?

 

Monty: Es gibt ja diesbezüglich verschiedenste Erhebungen von Daten, die auch zeigen, dass eben Personen, die von Armut betroffen sind, häufiger eben auch krankheitsbetroffen sind oder gesundheitlich betroffen sind, leider aber auch genauso wenig eher dann Ärzt:innen aufsuchen oder andere gesundheitliche Institutionen, was dann aber in der Folge sozusagen eher dazu führt, dass Personen noch kränker werden, also Armut macht krank und deswegen war es eben uns wichtig, sozusagen, dass es dort so eine Anbindung gibt in solchen Stadtteilen. Dass Personen niedrigschwellig dorthin kommen können und dass wir vor allen Dingen auch niedrigschwellig mit ihnen reden- also so wie ich jetzt mit dir gerade rede, rede ich jetzt nicht unbedingt mit den Klient:innen, sondern es geht eben darum, Barrieren abzubauen und Personen eben das Gefühl zu geben, ernstgenommen zu werden und das passiert halt häufig nicht, weil wir in der Gesellschaft unglaublich viele Stigma haben, also sei es eben Rassismus, sei es Klassismus, sei es aber auch Sexismus, Queerfeindlichkeit und so weiter und diese Reproduktion von sozialen Ungleichheiten zeigt sich eben auch in der gesundheitlichen Beratung und Behandlung, genau und deswegen ist es für uns eben wichtig, dass wir in diesen Stadtteilen aktiv werden, wo Menschen dann eher dazu neigen, diesen System zu misstrauen, weil sie halt häufig eben abgelehnt werden, nicht ernst genommen werden mit ihren Beschwerden und ja sozusagen at the end of the day vertröstet werden und das wollen wir eben so ein bisschen abbauen, diese Schwelle abbauen ein Stück weit und Menschen den Zugang erleichtern, weil at the end of the day können wir natürlich auch nicht behandeln, wir können nur beraten, was wir aber machen können, ist mit den Klient:innen so eng und gut wie möglich zusammenzuarbeiten und vor allen Dingen eben auch dann die Kommunikation mit anderen Behandelnden, Therapeut:innen, Ärzt:innen etc. pp. auch ein Stück weit zu übernehmen und das hat eben eine Signalwirkung, vor allen Dingen, weil wir auch durch die Stadt gefördert sind und dadurch natürlich auch nochmal anders ernst genommen werden.

 

Pia: Ja, in Köln ist das Ganze ja auch zu finden, glücklicherweise. Es gab eine Aktion, ich weiß gar nicht, ob sie am Ende dann von der Poliklinik durchgeführt wurde oder ob da jemand anderes dahinter gestanden hat. Es gibt hier größere Brücken, die über den Rhein führen und rechtsrheinisch sind eher Viertel vertreten, also rechts vom Rhein, wo auch Leute wohnen aus schwächeren Einkommensverhältnissen und wenn man über die Brücke gefahren ist, war es so, dass dann runtergesprayt wurde auf dem Asphalt. Ab hier sinkt deine Lebenserwartung um x Jahre. Ich weiß nicht mehr genau, was die Zahl war, ist auch schon ein bisschen her, aber das war so sehr sinnbildlich, um einfach mal Leute damit zu konfrontieren, dass es eben schon einen Einfluss darauf hat, wie es deiner Gesundheit geht, wo du lebst, ganz einfach gesagt.

Auf der anderen Seite habe ich auch Studien gelesen, also ich glaube zum Beispiel in Hamburg mit der Poliklinik der Veddel, wurde das mal ganz gut aufgearbeitet, wie viele beispielsweise fachärztliche Praxen es gibt, allgemeinmedizinische Praxen es gibt, hängt auch eben grundlegend davon ab, weil sich diese Praxen auch da ansiedeln, wo es potenziell halt lukrativer ist, so eine Praxis auch einfach zu betreiben und das letztendlich auch ein Wirtschaftskonzept einfach ist. Und insofern ist natürlich dann auch die Strecke einfach da, für Leute überhaupt in eine Praxis zu gehen und Hilfe zu holen. Vielleicht kannst du noch einmal sagen, was sind denn so bestimmte, ganz konkrete Dinge, die die Gesundheit für Menschen in eher ärmeren Wohnvierteln schlechter machen?

 

Warum soziale Ungleichheit krank macht: Gesundheitsversorgung jenseits von Verhaltensprävention

 

Monty: Du hast es ja schon angedeutet, einerseits ist es so, dass ambulante Behandlungen dort schwieriger aufzusuchen sind, sei es eben die fachärztliche Behandlung oder die allgemeinmedizinische Behandlung, weil es eben weniger Praxen gibt.

Die andere Sache ist auch die, dass wir also in dem Viertel, in dem ich jetzt gerade bin, aber auch in anderen Vierteln häufig eine starke migrantische Struktur haben und häufig auch Personen, die keinen sicheren Aufenthaltsstatus haben. Und diese Personen sind nicht immer abgedeckt und haben halt dementsprechend häufig irgendwie vielleicht gar keine Anbindung mehr zum Sozialamt und so weiter. Und deswegen arbeiten wir auch eng mit CABL, also der Clearingstelle und anonymer Behandlungsstein Leipzig zusammen, damit wir dort Personen hinverweisen können, damit sie halt zum Beispiel sich eine Behandlung holen, weil es da eben auch häufig Personengruppen gibt, die sonst runter wegfallen.

Dann haben wir Personen auch, die aus dem Krankenversicherungssystem rausgefallen sind. Also ich habe jetzt wirklich so viele Leute irgendwie kennengelernt, die ab irgendeinem Zeitpunkt tatsächlich nicht mehr krankenversichert waren und einfach keine Ärzt:innen mehr aufgesucht haben und sich nicht mehr behandeln lassen haben. Und solche Personen kommen dann eben auch zu uns und wir versuchen sie wieder in das System einzubringen.

Dann haben wir zum Beispiel ganz viele Transpersonen, also wenn es um queere Gesundheit geht. Es ist auch schwierig und da gibt es eben auch wenig Anbindung, auch hier in Leipzig sozusagen auch nur ganz wenige Fachärzt:innen, die sich tatsächlich diesem Thema widmen und annehmen. Und dann kommen halt eben Transpersonen zu uns, die sich hormonell selbst therapieren, was ja auch nicht immer risikofrei ist. Genau, das ist zum Beispiel auch eine Geschichte. Ja und wie gesagt, eben dieses Thema auch Literalität. Also das heißt, wir haben auch ganz viele Personen bei uns, die nicht literalisiert sind und häufig eben tatsächlich irgendwie eine gewisse Angst und Hemmschwelle haben, mit Ärztinnen zu sprechen oder ihre Beschwerden zu teilen oder Sachen zu verstehen und zu lesen und so weiter und kommen dann her, um zum Beispiel mit uns über Krankheitsverläufe zu sprechen oder wenn es um Behandlungen geht.

 

Pia: Erst mal erklärt zu bekommen, was eigentlich los ist, ja.

 

Monty: So sieht es aus. Und natürlich ein großer Teil ist auch an Personen, die keinen Platz für eine Psychotherapie bekommen. Also wir haben halt wirklich super, super, super, super viele Menschen, die dann halt zu dieser psychosozialen Beratung bekommen, weil es halt einfach zu wenig psychotherapeutische Kassensitze, nicht nur in Leipzig, sondern deutschlandweit, aber vor allem einfach gibt und dann kommen halt Personen zu uns, um dann halt diese Beratung wahrnehmen zu können. Also es sind so verschiedenste Personengruppen, zum Beispiel auch obdachlose Personen, die häufig abgelehnt werden, auch an der Tür und häufig auch im Krankenhaus einfach abgelehnt werden, was höchst problematisch und auch gesetzeswidrig ist. Dass die Personen zum Beispiel dann auch zu uns kommen und versuchen dann so gut wie möglich zu vermitteln und dann diese Personen so gut wie möglich in das Versorgungssystem einzubringen und einzugliedern.

 

Also das sind alles Personengruppen, die zu uns kommen, die da einfach auch stark betroffen sind. Oder auch Einsamkeit. Oh mein Gott, Einsamkeit ist auch so ein krasses Thema, also auch unter Senior:innen tatsächlich, die so isoliert sind, dass sie dann halt tatsächlich auch einfach meistens immer nur so eine Anbindung brauchen, um halt mit Personen reden zu können und so. Also wir haben halt wirklich eine sehr, sehr heterogene Gruppe an Personen, die uns aufsucht und die diese Hilfeleistung in Anspruch nimmt. Und gleichzeitig muss man sagen, dass es aber auch schwierig ist, dieses Konzept halt doch auch durch den Stadtteil durchzutragen. Also es ist nicht so, dass halt irgendwie Leute sagen, boah, das gibt's ja jetzt und dann gehen wir hin und so weiter, weil da halt dieses Misstrauen so groß ist. Und ich glaube, mir ist es immer wichtig, zum Beispiel Veddel und in Berlin, da gibt es halt tatsächlich auch Ärzt:innen, die angebunden sind in diesem System, weswegen es halt da tatsächlich nochmal einfacher ist, Menschen halt irgendwie nochmal anders zu behandeln und zu weiter. Wir müssen uns dieses Vertrauen erstmal erarbeiten. Dann erkennen die Leute so, ah, wir können nur beraten. Und das ist ja nicht nur in Leipzig, sondern auch in Köln und so weiter. Also viele haben ja gar nicht diesen Kassensitz und so weiter. Und dann halt zu vermitteln, okay, aber trotzdem versuchen wir halt euch zu helfen und diesem System irgendwie einen Weg zu ebnen, damit ihr da gut drin klarkommen könnt. Das ist, glaube ich, auch nochmal so eine krasse Aufgabe, die wir haben, weil, wie gesagt, Misstrauen ist groß.

 

Pia: Ja, wenn es so eine ärztliche Praxis gibt, dass man versteht, ah, okay, da kann ich hin, wenn ich krank bin, so ungefähr. Und sonst diese Beratung vielleicht nicht ganz so transparent ist, was ihr leisten könnt.

Wenn wir so darüber nachdenken, wie gesund man sich verhält, also Gesundheitsverhalten im Allgemeinen, dann denkt man allgemein natürlich, ich sollte nicht rauchen, ich sollte Sport machen, mich gesund ernähren, solche Dinge, dass die großen Faktoren sind, die auf unsere Gesundheit eben einwirken. Und ich hatte eine Zahl gelesen bzw. einen Fakt gelesen, dass man sich über die letzten Jahre angeguckt hat, dass die Lebenserwartung natürlich von uns Menschen im Allgemeinen gestiegen ist. Und dass das aber nicht deutlich daran liegt, dass die Medikamente besser geworden sind, die medizinische Innovation weiter vorangeschritten ist, sondern dass die Verhältnisse insgesamt besser geworden sind, was natürlich erst mal ein gutes Zeichen ist. Worauf ich aber eben hinaus möchte, ist so ein bisschen, kannst du einmal das erklären, wie das zusammenhängt? Weil offensichtlich haben jetzt nicht alle angefangen, einen Apfel zu essen einmal am Tag, sondern was war dann wahrscheinlich so der Keypunkt, warum es eine bessere Lebenserwartung gibt bzw. warum die Leute jetzt über die letzten Jahrzehnte insgesamt gesünder geworden sind, aber vielleicht auch dann, wo da der Ansatz ist, das zu verbessern im Vergleich zur Verhaltensprävention?

 

Monty: Also da müssen wir halt einfach über das Thema Class sprechen. Es geht einfach darum, dass Deutschland als Staat und als drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt sozusagen natürlich einen ganz anderen sozioökonomischen Status mittlerweile hat. Vergleichen wir Deutschland mit anderen Ländern, ist es natürlich auch dann sichtbar darin, wie alt Menschen sozusagen werden, dass es da eine Korrelation einfach gibt zwischen Reichtum oder Reichsein und eben Gesundheit. Und du hast es ja vorhin schon angesprochen, so gerade Stadtteile, in denen eben tatsächlich eine hohe Dichte an armutsbetroffenen Personen ist, da ist es eben nicht der Fall. Sondern da sieht man ja leider auch, dass da eben der Altersdurchschnitt noch mal signifikant geringer ist als in Stadtteilen, in denen eben Personen sind, die wohl situierter sind. Du hattest Veddel angesprochen, da ist es ja so tatsächlich, dass da der Altersdurchschnitt von Personen tatsächlich teilweise bis zu sechs Jahre geringer ist als in anderen Stadtteilen in Hamburg.

 

Pia: Also die Lebenserwartung meinst du?

 

Monty: Die Lebenserwartung, genau. Und das ist, glaube ich, etwas, was viele Leute tatsächlich nicht in Verbindung bringen. Und in Deutschland haben wir sozusagen die Situation so, dass halt die Schere zwischen Arm und Reich riesig geworden ist. Und natürlich die Lebenserwartung oder die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland gestiegen ist. Und gleichzeitig, wenn wir uns eben angucken, welche Gruppen davon profitieren, dass es halt eher Personen sind, die einer bestimmten Personengruppe zugehören. Das bedeutet halt weiß, reich, häufig auch mit einem akademischen Background, häufig auch in so zentralen urbanen Gegenden der Stadt und so weiter. Und wenn wir dann vergleichen, wer davon eben nicht profitiert, sind das meistens migrantisierte Personen, noch mal ältere Personen tatsächlich auch, Personen mit mehreren Kindern, also Familien mit größeren Kindern, Alleinerziehende Personen, genau. Häufig auch queere Menschen, die davon eben nicht profitieren. Also ich glaube, das ist etwas, was noch mal differenzierter betrachtet werden müsste, dass eben Reichtum und gerade Class, wie gesagt, als Faktor eine große Rolle spielt.

 

Pia: Ein Stichwort, was ja immer so fällt, wenn man sich mit dem Thema beschäftigt, ist eben Verhaltensprävention ist nicht gleich Verhältnisprävention.

 

Monty: Genau.

 

Pia: Kannst du uns das noch mal so ein bisschen erklären?

 

Monty: Also Verhaltensprävention bezeichnet ja tatsächlich irgendwie das, was ich als Individuum für mich selbst machen kann, damit ich halt eben gesünder bin. Du hast gesagt, so ein Apple a day, keeps the doctor away, oder keine Ahnung, Sport, nicht rauchen, wenig bis kein Alkohol, vielleicht auch tatsächlich wenig Screentime und so weiter und so fort. Also solche Sachen. Verhältnisprävention bezieht sich dann eher sozusagen auf strukturelle Dynamiken, die einfach gesellschaftlich bestehen. Das bedeutet Zugang überhaupt zu medizinischer Versorgung als einen Punkt oder überhaupt Zugang zur Krankenversicherung, Bezahlbarkeit von Sachen und so weiter. Oder überhaupt die Möglichkeit, niedrigschwellig mit Ärzt:innen sprechen zu können oder überhaupt dieselbe Sprache von Ärzt:innen sprechen zu können und so weiter. Das heißt, da wird sich eher die strukturelle Ebene angeschaut. Und man kann eben nicht erwarten, sozusagen, dass alle, also Verhaltensprävention, dass die diese strukturellen Probleme tatsächlich irgendwie aufhebt, weil so funktioniert das System leider nicht. Genau. Und das ist auch so ein bisschen der Ansatz, den wir in Polikliniken eben verfolgen, dass wir eben uns das alles ganzheitlich anschauen, gucken, okay, welche strukturellen Bedingungen liegen bei der Person vor, die es eben gerade nicht möglich macht, dass die Person sich um sich selbst gut kümmern kann und sich selbst gut versorgen kann. Das heißt, wir schauen uns eben nicht nur, in Anführungsstrichen, ich jetzt als Mediziner:in, schaue mir jetzt nicht nur an, so, ah ja, die Person hat, keine Ahnung, Herzrhythmusstörungen oder, keine Ahnung, oder Kreislaufproblem oder wie auch immer, sondern ich gucke halt irgendwie, okay, was führt dazu? Eine Dauerbelastung, so, keine Ahnung, krasser Stress einfach so, der halt irgendwie den Bluthochdruck ständig irgendwie steigen lässt und so weiter. Und woher kommt dieser Stress? Dieser Stress kommt wahrscheinlich daher, dass die Person irgendwie gerade drei Jobs arbeiten muss, um die Familie zu versorgen, um sich selbst zu versorgen, dass sie es eh gerade nicht hinkriegt und so weiter. Dann müsste die Person irgendwie noch Anträge stellen, um halt irgendwie irgendwelche Hilfegelder sozusagen zu bekommen, staatliche Förderungen bekommen zu können und so weiter und ist damit überfordert, weil die Person vielleicht auch eben nicht literalisiert ist und so weiter und dass der Person schwierig-, schwerfällt, diese Sachen auszuwerten. Also so, ne, dann sieht man halt irgendwie, welche Ebenen da überall, überall mit drin stecken und da setzen wir dann halt an, okay, ich kann das nicht alleine erledigen, ich habe aber tatsächlich dann eben auch eine Person, die halt irgendwie Psychologie studiert, die psychotherapeutische Ausbildung gerade macht, die sich vielleicht um diesen Faktor Stress ein bisschen kümmern kann, damit die Person Entlastungsgespräche finden kann. Ich habe eine Sozialarbeiter:in, die dabei unterstützen kann, der Person irgendwie diese Anträge zu machen und da halt irgendwie so ein bisschen Ordnung reinzubringen. Ich habe eine Alltagsberatung, die vielleicht noch mal dabei unterstützen kann, einen Job zu finden, der einigermaßen den Lebensunterhalt sichert, damit die Person nicht irgendwie drei Jobs nebeneinander machen muss. Und dann haben wir sozusagen dieses Thema Gemeinwesensarbeit und so weiter.

Wie kann auch die Community und der Stadtteil sozusagen wirklich wirksam mitarbeiten und helfen und unterstützen, um diese Familie zu entlasten oder da halt eventuell sozusagen auch die Kinder oder die Beziehungsperson und so weiter und so fort nochmal mit in den Mittelpunkt zu ziehen, weil es ist ja häufig auch nicht das Individuum, sondern das Individuum ist in der Familie, ist in der Gesellschaft, ist in der Nachbar:innerschaft und so weiter und so fort und da halt eben auch nochmal diese Netzwerke zu stärken und zu mobilisieren. Also das ist Verhältnis- und Verhaltensprävention.

 

Pia: Voll gut, vielen Dank. Ich fand das sehr klassisch, dass du gesagt hast, wir können keine Verhaltensprävention oder uns gut verhalten, wenn unsere Verhältnisse schlecht sind, in denen wir uns aufhalten. Als ich damals im Studium war, habe ich ein Praktikum in der Psychiatrie gemacht und da kam mir das so sehr deutlich vor Augen, obwohl das natürlich für verschiedenste Krankheiten übertragbar ist, nicht jetzt nur für psychiatrische Krankheitsbilder, aber dass wir in der Klinik Leute therapieren, dann sagen, ah super, die sind medikamentös eingestellt, die Krise dieser Erkrankung ist jetzt überwunden und dann gehen die Leute aber wieder in ihr Umfeld zurück, wovon sie krank geworden sind de facto. Und dann ist es so ein bisschen, dass wir halt rumdoktern an irgendwelchen Erkrankungen, gar keine Frage. Das ist auch richtig so, dass wir das machen, aber das ist halt im Allgemeinen, also wenn ich jetzt an mein Studium denke, auch nicht wirklich im Fokus war, sich mal zu überlegen, wie groß ist eigentlich der Einfluss von den Leuten, wo die herkommen, wie viele Ressourcen die um sich haben, wie viel Stress die um sich herum haben. Und ja, ich finde, deswegen ist es ganz, ganz wichtig, dass wir heute mal darüber reden.

 

Monty: Vielleicht, wenn ich da kurz ergänzen darf, ich hatte auch, also so zumindest bei mir im Studium auch das Gefühl, dass also nicht nur, dass dieses Thema nicht ausreichend angesprochen und besprochen worden ist, sondern dass es halt auch sehr stigmatisierend besprochen worden ist. Und dass wir da halt irgendwie immer wieder auch gemerkt haben, so ja, da wurde halt irgendwie festgestellt, so keine Ahnung, migrantisch sein korreliert halt mit einem schlechteren Gesundheitsstatus und so weiter. Aber dass dann halt gar nicht weiter besprochen wurde, warum, also was die Gründe sind, also wieso eigentlich. Also dass halt irgendwie dann Fakten irgendwie in der Sozialmedizin auf den Tisch gepackt wurden, aber halt gar nicht gesagt worden ist, was bedeutet das für mich und für meine ärztliche Praxis tatsächlich, was ich dann mehr beachten und bedenken muss oder wo ich da irgendwie auch noch eine andere Verantwortung habe, als eine Person, die natürlich ein Stück weit privilegiert ist, dass ich das jetzt gerade studieren darf und kann. Und dass ich natürlich irgendwann an einem Machthebel oder einer Machtposition sitze, wo ich halt tatsächlich das Leben von Menschen auch maßgeblich mitbestimmen kann. Und ich glaube, das finde ich halt sehr, sehr schade, dass das Studium da irgendwie sehr, also ich meine, selbst das Thema Verhaltensprävention wird im Studium ja kaum besprochen, not gonna lie. Aber so dass Verhältnisprävention noch nicht mal in dem Sinne als Thema gedacht wird. Genau, das ist, glaube ich, etwas, was mich auch sehr, sehr stört oder nachhaltig irgendwie auch geprägt hat.

 

Pia: Total. Ja, dass wir halt nicht lernen, dass jetzt wir uns darüber kümmern sollten, warum jetzt die Person raucht und was vielleicht diese, ja, diese Gelüste nach dem Nikotin, nach dem Rauchen irgendwie auslöst, sondern halt sagen, okay, wir müssen uns drum kümmern, dass die Person nicht mehr raucht, weil Rauchen ist halt schlecht. Ist auch richtig, keine Frage, aber wenn wir das hintergründige Problem nicht lösen, dann kommen wir halt potenziell nicht weiter oder müssen eine hohe Frustrationstoleranz haben, sag ich mal so, wenn wir da was erreichen wollen.

 

Monty: Ja.

 

Pia: Du hast jetzt schon so ein paar Punkte angesprochen, wie ihr versucht, diese Probleme aufzugreifen und von verschiedenen Seiten letztendlich zu lösen. Vielleicht kannst du uns einmal mitnehmen zu einem, einer, zwei konkreten Fällen, wie die Menschen zu euch kommen, wie das dann so genau läuft, vielleicht so ein bisschen als Vorbild, wie man sich das vorstellen kann.

 

Wenn das System versagt - reale Fälle aus der Gesundheitsberatung

 

Monty: Okay, ich nehme jetzt mal einen etwas neueren Fall, der jetzt irgendwie uns begegnet ist. Und zwar kam die Person ursprünglich über eine andere Person, die schon bei uns angebunden ist, und kam mit der Familie. Und das war eine Person aus Dresden. In Dresden gibt es auch eine, die nennen das, glaube ich, Gesundheitskollektiv, aber halt auch Teil des Poliklinik-Syndikats und so weiter. Aber die Personen waren eben dort nicht bekannt, sondern die sind halt irgendwie zu uns nach Leipzig gekommen. Und eigentlich ging es darum, dass die Personen einen Wohnberechtigungsschein für Leipzig beantragen wollten. Dann wurde im Rahmen des WBS sozusagen abgefragt, welche Hintergründe der Umzug sozusagen nach Leipzig hatte oder warum die Person sozusagen nach Leipzig haben wollte. Und das war gar nicht so gemeint, aber die Person fing dann an, über Rassismus, also über die rassistischen Erfahrungen in Dresden zu erzählen. Und das waren super, super, super gewaltsame Erfahrungen. Die Kinder haben angefangen mitzuerzählen, was denen passiert ist auf den Schulhöfen und so weiter. Und das war so traurig, also für die Sozialberatung auch so traurig zu hören, dass das halt wirklich, also es war so markerschütternd einfach. Und dann kam die Person, die die Sozialberatung macht, kam dann zu uns und zu den anderen Leuten, weil wir haben immer dann sozusagen so eine kleine Fallkonferenz und hat dann halt irgendwie diesen Fall vorgestellt. Und da war sozusagen der Wunsch, dass ich als Gesundheitsberatung auch nochmal dazu komme, weil der Vater der Familie sozusagen auch ganz viele gesundheitliche Probleme hatte. So, dann habe ich mir sozusagen diese ganzen ärztlichen Briefe angeschaut und habe halt gesehen, die Person wurde an keiner Stelle richtig, richtig, richtig behandelt. Also zum Beispiel wurde da eine Magenspiegelung gemacht und es wurde eine Probe entnommen, weil die Person halt ständig Magenschmerzen hat und einen krassen Reflux und so weiter und so fort. Und dann wurde in der Probe festgestellt, okay, krasse Besiedlung mit Heliobacter pylori, was ja eigentlich an sich eine Eradikation erfordert, wenn eben A, Symptome vorherrschen und B, der Nachweis auch gelangt. Die Person wird jetzt seit vier Monaten mit Pantoprazol behandelt ohne Eradikation.

 

Pia: Vielleicht einmal kurz um das Medizinische zu erklären. Also es ist ein Bakterium im Magen und normalerweise gibt es dafür eine ganz klare antibiotische Therapie, um dieses Bakterium abzutöten und zu eradizieren. Pantoprazol ist ja der Säureblocker, aber das ist in diesem Fall ja nicht die ursächliche Therapie.

 

Monty: Genau und ich habe dann gefragt, was sozusagen der Hintergrund dessen ist und dann hat die Person so gemeint, der Hausarzt mag es nicht, wenn ich irgendwie versuche zu reden. Und einmal habe ich versucht, einen Freund anzurufen, der halt Deutsch sprechen kann und dann hat Person einfach den Knopf gedrückt und das Telefon ausgemacht, um halt nicht die Übersetzung leisten zu müssen und hat ihn dann rausgeschickt. Das sind so Situationen, die natürlich mir dann auch nahegehen, als Person, die auch selbst rassifiziert ist und davon betroffen ist. Ich habe das ja auch bei meinen Eltern und so mitbekommen, wie das dann so ist. Und daran merkt man einfach, wie das System da halt schon irgendwie ein Stück weit versagt, wie Rassismus auch eine Rolle spielt und wie das dann eben auch dazu führt, dass halt irgendwie Krankheit ein Faktor wird, der dann einfach das Leben krass betrifft. Und die Person, muss man auch sagen, ist geflohen, hatte mit 16 einen Bombenangriff überlebt, das komplette Bein war zersplittert, es gab Bombensplitter im gesamten Körper und so weiter, die auch nicht vollständig entfernt wurden. Die Person hat chronische Schmerzen, hat drei Kinder hier in Deutschland, kann nicht arbeiten, möchte arbeiten, kann aber nicht arbeiten, weil auch das Arbeitsamt nicht unterstützt bei einer Ausbildung oder bei einer Weiterbildung, die tatsächlich irgendwie einigermaßen für die Person machbar ist. Gleichzeitig sagt aber auch, das amtsärztliche Gutachten, diese Person sei widersprüchlich, trotz der chronischen Schmerzen und all den anderen Krankheitssymptomen, die Person sei trotzdem in der Lage, drei bis sechs Stunden zu arbeiten, aber die Person kann nicht sitzen und nicht stehen. Also das ist dann so etwas, das versagt halt irgendwie einerseits natürlich das Gesundheitssystem massivst, dann aber auch unser Sozialsystem, das immer so hoch gehalten wird massivst.

Die Kinder leiden darunter, die Familie wird nicht von einer Community aufgefangen, sondern wird da eher sozusagen auch nochmal mit Rassismus ständig konfrontiert. Und natürlich hat der Mensch, also das war sehr lustig gewesen, in den ganzen ärztlichen Briefen stand dann auch immer ‚Verdacht auf posttraumatische Belastungsstörung‘, die nie näher untersucht worden ist. Es steht da immer drauf, ich hab dann gefragt, gab es jemals mal ein Gespräch mit einer Psychotherapeut:in, mit einem Psychiater:in oder sowas in der Art, hat die Person verneint. Und das heißt, wir haben da halt irgendwie so viele Baustellen und so viele Bausteine, die halt einfach nicht so zusammenpassen und das Einzige, was die Person machen konnte, ist dann halt irgendwie zu uns zu kommen mit der Hoffnung, dass sie Hilfe bekommt. Und dann hat die Person am Ende der Beratung gesagt, „Das ist das erste Mal in meinem Leben hier, auch in Deutschland, dass sich eine Person für mich interessiert hat“.

Und das ist, glaube ich, so ein bisschen das, womit wir konfrontiert sind. Und sehr häufig auch. Das ist natürlich jetzt auch ein Extremfall, muss man sagen so. Und gleichzeitig ist es leider aber nicht ein Fall, der halt irgendwie einmal im Jahr vorkommt oder so, sondern das ist schon ein Muster und eine Häufigkeit zu erkennen. Genau, oder mein allererster Fall, davon kann ich auch nochmal kurz berichten, das war eine Person, weiß positioniert, weiße Männlichkeit, die aus Österreich ursprünglich war und seit Jahren leider in der Obdachlosigkeit ist. Und was da ein bisschen der Fall ist, ist, dass die Person ganz stark davon ausgeht, dass sie eine Krankheit hat. Also die Person war, glaube ich, 35, 36 Jahre alt, jetzt auch nicht super alt, also für medizinische Verhältnisse schon sehr jung.

 

Pia: Ist das jung, ja. (beide lachen)

 

Monty: Genau, und die Person lebte halt jetzt jahrelang in der Obdachlosigkeit, hat sich krass verschuldet, weil die Person wirklich einen Krankheits-, also Fanatismus hatte und wirklich daran geglaubt hat, befallen zu sein von irgendwelchen Würmern und so weiter und sich halt die Haut aufgekratzt hat und so weiter. Drogenkonsum wurde an sich verneint und so. Und was ich halt gesehen habe, ist, dass die Person von Ärztin zu Ärztin und zu Ärztin gerannt ist und so weiter und sich halt untersuchen lassen hat, die Untersuchungen mitgenommen hat und so. Aber es hat sich nie eine Person hingesetzt und gesagt, vielleicht sind da ja auch noch andere Ursachen dahinter. Vielleicht steckt dahinter irgendwie so ein Krankheitswahn tatsächlich, der irgendwie nochmal anders behandelt werden müsste und so weiter. Und dafür hat sich auch keine Person Zeit genommen. Und ich muss halt sagen, ich war damals auch noch neu, ich war etwas überfordert. Ich habe das natürlich mit meiner Kollegin besprochen. Dann haben wir auch ein gemeinsames Gespräch gehabt und so weiter. Und dann wollte ich mit einer anderen ärztlichen Kollegin, die halt bei uns ehrenamtlich arbeitet, das Gespräch mit ihm aussuchen, diesbezüglich eventuell da nochmal da auf dieses Thema reinzugehen. Und dann hat die Person eine krasse Psychose entwickelt in unserem Gespräch. Und da sind einige Sachen auch vielleicht nicht ideal verlaufen meinerseits, muss ich sagen. Weil ich war halt total neu, das war meine erste Clienti-Person, die ich hatte. Und gleichzeitig zeigt es aber auch, diese Personen fallen durch das Raster, fallen durch das System, geraten in die Obdachlosigkeit, gerade auch eben psychisch erkrankte Personen und werden dann eben auch nicht mehr ernst genommen und nicht gesehen und werden verwiesen von einer ärztlichen Person zur anderen ärztlichen Person. Da findet keine Kommunikation zwischen den Ärzt:innen und Kolleg:innen statt. Und diese Person ist sozusagen alleine mit ihrer Psychose, mit ihrem Krankheitswahn, mit der Obdachlosigkeit, der Armut, der Prekarität etc.pp. Und das sind so Sachen oder Fälle, die tatsächlich irgendwie zu - uns aufsuchen, zu uns kommen und uns stückweit auch natürlich die Hände gebunden sind, weil wir können natürlich auch Personen nur helfen, wenn sie sich helfen lassen möchten. Und gleichzeitig bricht es mir aber auch das Herz zu sehen so, dass diese Menschen seit Jahren irgendwie leiden und dieser Leidensdruck einfach nicht gesehen wird. Und dass da halt auch keine Person, die halt eventuell mehr Macht hat, als ich, sich da halt irgendwie mit dem angenommen hat, sondern dass die Person eher ausgequetscht wird von irgendwelchen Pseudomediziner:innen, die dann halt irgendwelche Untersuchungen machen, zum Beispiel so eine Haarwurzel-Extraktion, wo dann halt irgendwelche Mineralien oder so nachgewiesen werden und so oder die fehlen, anstatt da halt..

 

Pia: Ganzheitlich sich einmal..

 

Monty: …eher in diese Richtung anzuschauen.

 

Pia: Ja, bei den beiden Geschichten hatte ich jetzt so den Eindruck, dass es, wenn man eine gute hausärztliche Person hätte, die so ein bisschen die Stricke in der Hand hat und die verschiedene Untersuchungen irgendwie bündelt, sich das anguckt, so, dann haben wir eigentlich keine Lücke für sowas, würde ich sagen. Oder die Lücke würde auf jeden Fall kleiner, vielleicht kann man es so sagen. Aber das ist halt eben dann genau das Problem, dass Leute ja gar keine hausärztliche Praxis haben, Sprachbarrieren bestehen, schlechte Erfahrungen gemacht haben und gar nicht mehr hingehen und sich die Leistung gar nicht mehr versuchen zu holen. Also es ist so sehr, sehr vielschichtig. Du nickst schon so ein bisschen und schüttelst den Kopf.

 

Monty: Man muss auch sagen, dass leider das System in Deutschland eben auch sehr ökonomisch basiert ist, was eben auch dazu führt, dass auch Hausärzt:innen unter einem massiven Druck sind, die Praxen überhaupt aufrechtzuerhalten und finanziell lukrativ zu machen und so weiter.

 

Pia: Ja, ich meine, es gibt natürlich einen Grund dafür, warum eben solche Leute dann nicht in eine hausärztliche Versorgung angebunden sind.

 

Monty: Voll, voll.

 

Pia: Sehr vielschichtig, das Problem auf jeden Fall.

 

Monty: Genau, das ist, glaube ich, etwas, was ich auch immer zu kritisieren habe und so weiter, dass halt irgendwie dieses Gesundheitssystem krank gespart wird gerade und dass sie alle nur das System in dem System sehen, so gesund wie nötig und so arbeitsfähig wie möglich. Dass das halt irgendwie sozusagen so der Grundsatz ist, nachdem wir arbeiten müssen „als Ärzte“ in Anführungsstrichen, was ich eigentlich ehrlich gesagt sehr menschenunwürdig finde.

 

Pia: Ja, das ist natürlich nicht das erste Mal, dass wir das hier in diesem Podcastformat ansprechen. Das ganze Problem und Prävention ist ja eigentlich genau dafür gedacht, Riesen-Gesundheitskosten, wenn man es jetzt mal so will, auch zu vermeiden und zu verhindern, indem man Probleme viel früher aufgreift, bevor sie chronisch geworden sind. Ja, ich glaube, wir konnten jetzt ganz gut verstehen, welche Leute zu euch kommen, wie ihr versucht, die Personen aufzufangen, weiterzuschicken, anzubinden, ganzheitlich eben in den Blick zu nehmen. Vielleicht kannst du noch einmal was dazu sagen. Du hast es schon mal so ganz grob angesprochen, wie ihr euch finanziert, wie das so bei euch organisiert ist.

 

Finanzierung und Vision der Polikliniken

 

Monty: Wir werden von der Stadt finanziert und eben von Stiftungen. Ich entschuldige mich schon mal bei unserem Kollektivsekretariat, also unserer Verwaltung, wenn ich jetzt irgendwie Mist labere, sorry- (Pia lacht) aber genau die Beratungen werden überwiegend tatsächlich über die Stadt finanziert und dann eben noch mal zusätzlich von Stiftungen mit unterstützt. Also meine Stelle zum Beispiel als Gesundheitsberatung, ich habe 25 Stunden, 15 Stunden wird von der Stadt gemacht, Stadt Leipzig und 10 Stunden wird von der Beisheim Stiftung finanziert. Und dann haben wir aber auch noch mal andere Projektgelder, die wir beantragen immer wieder. Es gibt noch das ESF-Projekt, davon wird zum Beispiel die Alltagsberatung finanziert und aber auch die Gemeinwesensarbeit. Und genau, also so funktioniert, glaube ich, irgendwie dieses System. Das heißt, wir sind aber auch noch gleichzeitig ein bisschen auf Spenden angewiesen -was ich hier noch mal sagen möchte, also wenn ihr irgendwie in eurer Nähe Polikliniken habt oder kennt, unterstützt auf jeden Fall auch finanziell, wenn es euch möglich ist, weil diese Gelder sind natürlich ganz klar gebunden an bestimmte Sachen, die wir machen können und so weiter. Und Polikliniken möchten aber vor allen Dingen auch im Stadtteil aktiv sein und in der Stadtteilarbeit auch Veranstaltungen machen und so weiter und so fort. Und dafür benötigt es einfach Gelder, die wir noch mal anderweitig nutzen können, um zum Beispiel Honorare für Personen zu bezahlen, die halt eventuell nur eine Veranstaltung machen, um Aufklärungsarbeit zu machen und so weiter. Oder tatsächlich auch, um Gelder umzuwidmen und so. Also zu uns kommen halt Personen, die können sich teilweise nicht mal 40 Euro für eine Ausstellung eines neuen Personalausweises leisten. Und wenn wir halt Spendengelder hätten, die wir anders anderweitig dafür nutzen könnten, so wäre das auch unglaublich toll. Viele machen so KÜFAs oder eben auch so Spendenveranstaltungen und so, dass wir dann halt damit so Sachen finanzieren können. Also wenn ihr da Möglichkeiten habt, auf jeden Fall immer gerne spenden. Aber ja, das ist die Art und Weise, wie wir uns finanzieren.

 

Pia: Ja, was ist KÜFA ganz kurz?

 

Monty: Küche für alle. Ich weiß nicht, ob das so ein dolles Leipzig-Ding ist, aber genau, wir nennen das ja immer KÜFA. Und hier findet gefühlt jeden Tag irgendeine KÜFA statt oder irgendeine Spendenveranstaltung, damit Leute gegen eine kleine Spende etwas zu essen bekommen. Und dann können wir die Spenden sozusagen für andere Sachen nutzen.

 

Pia: Ja, okay, perfekt. Du hast ja gesagt, es gibt die Polikliniken im Rahmen dieses Polyklinik-Syndikats, also vielleicht des Dachverbandes oder so, wenn man das sagen kann, auch noch in anderen Städten. Wie würdest du die Situation denn einschätzen für die Zukunft? Hältst du das für ein realistisches Konzept, dass das jetzt deutschlandweit in verschiedenen Städten umgesetzt werden kann, vielleicht auf dem Land umgesetzt werden kann? Wie ist da so deine Einschätzung?

 

Monty: Tatsächlich gibt es mittlerweile eine Poliklinik, die sich auch auf dem Land jetzt gegründet hat und auch da tatsächlich die Arbeit macht. Wünschenswert wäre es ja sogar tatsächlich, also wir haben ein bisschen über unsere Visionen gesprochen vor zwei Wochen in unserer Poliklinik Leipzig. Und eine Idee ist zum Beispiel halt, dass in jeder Stadt, in jedem Stadtteil sozusagen, irgendwie so eine Einrichtung da ist, die sich halt irgendwie kostenfrei um solche Belange kümmert und da halt eben Unterstützungsarbeit leistet. Das ist jetzt sehr, sehr, sehr utopisch gedacht. Aber was ich mir natürlich wünschen würde, ist, dass es zumindest in den Stadtteilen, in denen es eben so eine krasse Armutsbetroffenheit, vielleicht auch migrantische Stadtteile und so dann sofort, dass da halt irgendwie so eine Struktur besteht oder existiert, die da halt irgendwie diese Stadtteilarbeit macht. Es müssen nicht per se Polikliniken sein. Es gibt ja auch andere Stadtteilzentren, die halt auch sehr viel gute Arbeit machen und so. Aber wenn es um das Thema Gesundheit geht, fällt das halt häufig eben runter. Deswegen will ich, glaube ich, irgendwie auch ermutigen, auch andere Ärzt:innen, andere medizinische Fachkräfte und so weiter, also auch gerne Pfleger:innen und so weiter und sofort, also viele Fachpersonen und so, die da einfach Ahnung haben, sich halt eventuell in solchen Stadtteilzentren zu engagieren, zu gucken, „Hey, braucht ihr eventuell eine Person, die auch mal eine kurze medizinische Beratung macht oder braucht ihr da irgendeine Person, die eventuell euch Feedback geben kann?“ Weil häufig fällt dieses Thema dann runter und damit sind natürlich Personen, die soziale Arbeit machen und sind dann sofort überfordert, weil es halt nicht in ihren Kompetenzbereichen reinfällt. Und genau, also es kann tatsächlich at the end of the day nicht die Lösung sein, weil im Grunde genommen sind wir nur ein Pflaster auf einer Wunde, die ganz anders behandelt werden müsste und wir sollten eigentlich darauf hinarbeiten, dass es uns nicht mehr gibt oder dass wir nicht mehr notwendig sind, dass es ein inklusives medizinisches System gibt, in dem Personen Anspruch auf Übersetzungen haben, in denen Personen irgendwie nicht mit Rassismus konfrontiert sind, in denen Personen irgendwie Behandlungen und Untersuchungen auf solch einer Ebene erklärt werden, dass sie halt irgendwie nicht unbedingt akademisiert sein müssen so ne, indem wir eventuell auch solche Fälle aufdecken, wenn es um Literalisierung geht und so weiter und Personen eben da Schwierigkeiten haben, dass wir die anders in das System noch mal einbinden und so, indem wir auch Personen, die vielleicht keinen sicheren Aufenthaltsstatus haben und so weiter, nicht kriminalisieren und sozusagen ihnen direkt die Abschiebung droht, sobald sie sich behandeln lassen müssen und so weiter. Also eigentlich sollte es ein System geben, in dem wir als medizinisches Fachpersonal wirklich den Menschen helfen und sie unterstützen, wo wir können und das aus diesem ökonomischen Gefängnis irgendwie rauszerren. Aber da sind wir halt noch nicht. Deswegen sind Polikliniken eine gute Alternative und auf jeden Fall sehr unterstützenswert. Und wenn ihr eine gründen wollt, meldet euch gerne beim Syndikat und sie unterstützen euch auch dabei, helfen auch. Und ich würde mich freuen auf jeden Fall über Zuwachs und gerne auch mehr rassifizierte Personen, weil das System auch da immer noch sehr weit ist. Und es braucht einfach eine Perspektivvielfalt, über die ich mich auch freuen würde.

 

Pia: Ja, ich wollte dich eigentlich fragen, was deine Utopie für die Zukunft ist, aber das hast du jetzt einfach schon komplett vorweggenommen. Und ich glaube mit dem Satz, dass ihr als Polikliniken eigentlich nur das Pflaster für eine größere Wunde seid, die auf anderem Wege geheilt werden sollte. Ich glaube, das können wir auf jeden Fall so als Schlussstatement stehen lassen und passt das, glaube ich, ganz gut zusammen. Vielen, vielen Dank dir für deine Arbeit als auch deine Einsichten heute. Ich hoffe, wir konnten ein paar Leute mitnehmen, ein bisschen Verständnis streuen. Und genau, du hast ja schon gesagt, wenn ihr Interesse habt, euch das mal angucken wollt, et cetera, mitgründen wollt, man kann auf den Webseiten schon ganz gut gucken, wo es das überall gibt. Wenn ich jetzt über die letzten Jahre zurückblicke, ist da auf jeden Fall viel passiert.

 

Monty: Vielen, vielen Dank, dass ich hier sein durfte.

 

Pia: Danke dir. Das war Heilewelt, der Podcast über positive Zukunftsvisionen in der Medizin. Vielen Dank euch fürs Zuhören.

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Bis ganz bald.